Hier geht’s um die Wurst(chen)!

admin 24. Februar, 2018

Clémentine Beauvais

Die Königinnen der Würstchen

übersetzt von Annette von der Weppen

Carlsen Verlag 16,99 €

Mireille, 15 Jahre alt, lebt in der französischen Provinz, ist übergewichtig und gehört nicht gerade zu der angesagten Gruppe in der Schule. Nun ist sie zum dritten Mal in Folge zur “Wurst des Jahres” gewählt worden, zwar diesmal nur in Bronze und nicht in Gold wie in den Vorjahren, aber schön ist das immer noch nicht, auch wenn ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Dier hässliche Titel wird von einem Klassenkameraden, mit dem sie als Kind befreundet war, verliehen und das ziemlich erfolgreich.

Diesmal reicht es Mireille! Sie beschließt, sich mit den beiden anderen Vertreterinnen des Wurstpreises (häßlich, dick und dumm) zusammen zu tun. Wer nun genau die Idee hatte, gemeinsam am 14. Juli, dem Nationalfeiertag nach Paris zu fahren um dort die Party im Präsidentenpalais zu “rocken” ob Mireille, Astrid oder Hakima, das lässt sich nicht genau ausmachen, jedenfalls steht der Beschluss fest: mit dem Fahrrad nach Paris!

Hakimas Eltern (sie ist erst knapp 13 Jahr alt) zu überzeugen ist nicht ganz leicht; doch als deren älterer Bruder Kader, ein im Rollstuhl sitzender Ex-Soldat, sich bereit erklärt mit zu fahren, geht auch das klar.

Die Mädels drehen den Spieß nun einfach um: sie nehmen ihren gemeinen “Ehrentitel” an und nennen sich selbst nun die drei Würste. Ihr Reisegeld verdienen sie sich mit dem Verkauf von Würstchen (auch vegetarischen!) unterwegs. Womit keiner gerechnet hatte: die Medien steigen total darauf ein und berichten stetig von der Fahrt nach Paris. Viel Zuspruch, Durchhalteparolen und Daumen drücken gibt es, aber auch ätzende Kommentare ihr Aussehen betreffend.

Die Erlebnisse der vier jungen Menschen während dieser anstrengenden Fahrradtour durch Frankreich werden locker und witzig erzählt, es gibt viel zu Lachen, aber natürlich geht es auch um ernste Themen.

Kader hat seine Beine während eines Kriegseinsatzes verloren, er und seine Schwester möchten dem General, der Schuld  daran und am Tod von Kaders Kameraden hat, ordentlich die Meinung sagen in Paris. Auch Mireille hat einen sehr persönlichen Grund, der mit ihrem leiblichen Vater zu tun hat. Astrid wiederum freut sich einfach, ihre Lieblingsband, die dort spielen wird zu sehen.

Doch auf der Feier kommt dann alles anders als geplant!

Ich hatte sehr viel Freude am Lesen dieses Jugendromans, der schwierige Themen wie Mobbing, Machismus und auch Feminismus anpackt, aber in einer Weise, die leicht und wirklich witzig daher kommt.

Das Ende hätte meiner Meinung nach zwar ruhig ein wenig “anarchistischer” ausfallen dürfen, aber sei’s drum!

Jedenfalls ein toller Roman, den man bedenkenlos allen Mädchen (und gerne auch den Jungs) ab etwa 13 empfehlen und schenken kann!

Bestellen können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung Thaer

Ein neuer Krimi von Nesser? - Mehr als ein Krimi!

admin 11. Februar, 2018

Hakan Nesser, Der Fall Kallmann

Übersetzt aus dem Schwedischen von Carl Berf

Btb  20 €

Hakan Nesser  gehört zu den beliebtesten und bekanntesten schwedischen Krimiautoren (auch wenn er nicht nur Krimis geschrieben hat).

In seinem neuen Roman widmet er sich einer Gesamtschule in einer schwedischen Kleinstadt.

Eugen Kallmann ist ein charismatischer und begnadeter Lehrer, der seine Schüler für Literatur und Theater zu begeistern weiß. Doch wo er eigentlich herkam, was er außer seinem Beruf sonst noch so tat, das weiß niemand. Zumindest nach seinem etwas merkwürdigen Tod merken alle, dass ihn niemand richtig kannte.

Die Polizei geht von einem Unfall aus, doch nicht alle glauben das. Jedenfalls bringt Kallmanns Tod sehr viel Unruhe in das kleine Städtchen und als sich auch noch ausländerfeindliche   Vorfälle an der Schule häufen, die schließlich zum Tod eines Schülers führen, ist es mit der Ruhe ganz vorbei.

Doch was sich wie ein banaler Krimi anhört, ist in Wirklichkeit vielmehr!

Nesser versteht es, den Lesern die Charaktere einzelner Schüler, deren Familien, Lehrer, Nachbarn, Polizisten so nahe zu bringen, dass man manchmal den Eindruck hat, man kenne die Leute, und man möge sie (nicht alle natürlich). Man interessiert sich für ihr Liebesleben, ihre Vergangenheit, ihre Trauer, ihre Wunden und ihr Glück.

Großartige Charakterstudien mit viel Menschenkenntnis stehen für mich mehr im Mittelpunkt als die Krimihandlung. Wer Thriller mag, Pageturner, Krimis die einen atemlos den nächsten Plot erwarten lassen, mag eventuell  nicht ganz auf seine Kosten kommen, denn hier geht es erst zweitrangig um den „Fall“. Doch wer psychologische Spannungsromane mag, solche die ihre Protagonisten und deren Entwicklung ernstnehmen, wird begeistert sein!

gerne können Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung bestellen:

 

Mikroskope, Liebe, Abenteuer und Kinderleid

admin 31. Januar, 2018

Stefan Schmortte

„Die Enthüllung der Welt“

Lago Verlag

580 Seiten

ISBN 9783957611758

 

Dieser historische Roman spielt im 17. Jahrhundert in Holland.

Die Geburt Piet van Leeuwens, eines verwachsenen, rothaarigen Jungens, beendete das Liebesglück zwischen seinen Eltern. Seine Mutter, Tochter eines wohlhabenden Delfter Bürgers ist so entsetzt über das hässliche Baby, dass sie es am liebsten verstoßen würde. Der Vater liebt seinen Sohn zwar, wird aber über das Unglück, dass seine geliebte Frau sich als so herzlos erweist und sein Schwiegervater ihn und Piet am liebsten aus der Familie verbannen würde, so unglücklich, dass er zum Trinker und später zum Selbstmörder wird.

Nach dem Tod seines Vaters entledigt sich der Großvater des Kindes auf mehr oder weniger elegante Weise: er besticht den Pfarrer der Delfter Oude Kerk mit dem Kauf neuer Kirchenfenster, den Jungen in ein weit entferntes Internat bringen zu lassen, so dass er nie wieder von ihm hören möge. Beauftragt mit dem Transport wird ein Kirchendiener, der den Jungen hasst und in ihm eine Art Teufel sieht.

Jahre des absoluten Grauens in diesem Internat folgen: Spott und Hohn für Piet, Gewalt und Hunger, Inkompetenz von Seiten der Lehrer und ein Direktor, der sich an Jungs vergreift. Durch den Mut eines anderen Jungen, Karlmann, schafft Piet es gerade mal so, zu überleben. Halbtot wird er nach Amsterdam verfrachtet und kommt bei einem Tuchmacher unter, wo er Jahre des Stillstands verbringt, aber immerhin zu essen bekommt und nicht mehr geschlagen wird.

Durch einen Zufall trifft er wieder auf Karlmann, der ihn in Kontakt zu Carla, einer Hure bringt. Piet verliebt sich und zieht mit Carla, einer portugiesischen Jüdin zurück nach Delft, wo sie ihren Sohn zur Welt bringt. Während Piet nahezu glücklich ist mit seiner heimlichen Liebe – denn Carla und er können weil sie Jüdin ist, nicht heiraten – verbringt er immer mehr Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten. Sein Ziel ist es, das Kleine im Leben sichtbar zu machen. Karlmann, der Brillenmacher geworden war, hatte ihm einiges beigebracht über die Lehre der Optik, doch dass man Linsen so schleifen konnte, dass sie Kleines und Kleinstes sichtbar machten, das wusste bis dahin niemand.

Immer besessener, aber auch immer besser wird Piet bei der Entwicklung eines Mikroskops und so entdeckt er „Animalcla“  in Blut, Speichel oder Flusswasser. Ein befreundeter Arzt bringt seine Erkenntnisse der Wissenschaftlichen Gesellschaft in London zu Gehör, die durchaus großes Interesse an den Entdeckungen Piets haben.

Doch während seine Erkenntnisse immer größere Fortschritte machen, braut sich privat Schlimmes zusammen: ein verrückter Kirchendiener, der meint den Satan in Gestalt Piets töten zu müssen, Carla, der es psychisch immer schlechter geht, und ein „Freund“, der von einer jahrelangen Seefahrt zurück nach Delft kommt.

Wer wissen möchte, wie es Piet und seinem Sohn weiter erging und was es mit seiner bahnbrechenden Entdeckung auf sich hatte, muss wohl selbst weiterlesen.

Ich bin eigentlich keine große Freundin historischer Schmöker. Meist sind sie mir zu kitschig, zu wenig informativ und sehr oft auch zu schlecht geschrieben. Insofern ist es ein großes Lob, wenn ich guten Gewissens sagen kann, dass ich Schmorttes‘ Buch mit Vergnügen gelesen habe.

Zwar bedient er, es ist übrigens sein allererster Roman, durchaus die Erwartungen, die an dieses Genre gestellt werden, also: Herz-Schmerz, Leidenschaften, tragische Figuren und setzt Elemente des Abenteuerromans ein, doch er tut dies geschickt und er trägt nicht zu dick auf.

Sicher überschreitet „Die Enthüllung der Welt“ immer mal wieder die Grenze zum Kitsch, aber nicht allzu oft und auch nicht all zu drastisch. Insgesamt liest sich der Roman sehr flüssig und gut, der Inhalt ist spannend genug um problemlos – trotz des nicht geringen Umfangs – dabei zu bleiben.

Tatsächlich erfährt man auch einiges über das Leben des 17. Jahrhunderts, über den Stand der Wissenschaften und auch einiges über Politik. Für meinen Geschmack zwar etwas zu wenig, aber immerhin ist die Handlung gelungen eingebettet in eine Art Zeit- und Sozialgeschichte.

Man kann Stefan Schmortte, der eigentlich Journalist und Zeitschriftenredakteur ist, jedenfalls wirklich gratulieren zu seinem Debütroman und ihm wünschen, dass dieser ein erfolgreicher Einstieg zu weiteren Romanen sein wird.

Ein gelungener Roman über einen kleinen Mann, der das Große im Kleinen sah – darüber aber manchmal das wirklich Nahe zu sehr in die Ferne rückte.

Gerne können Sie das Buch in meiner Buchhandlung bestellen

Zadie Smith - wieder mal ganz groß!

admin 11. Oktober, 2017

Zadie Smith

Swing Time

Kiepenheuer und Witsch Verlag

24 €

Zadie Smith, die ich schon lange bewundere und lese, schreibt diemsal über eine junge Frau, Tochter einer schwarzen Einwanderein aus Jamaica und eines weißen Engländers.

Ihre Mutter ist bildungshungrig, politisch aktiv und eine sehr besondere Frau. Der Vater, der seine Frau sehr liebt, ist ihr intellektuell und auch was die Lebenstüchtigkeit angeht, unterlegen, was der Ehe nicht unbedingt gut tut.

Einen großen Teil des Buches nimmt die Freundschaft zwischen der Protagonistin und Tracey, einem kleinen - ebenfalls “gemischten” Mädchen aus ihrer Ballettklasse ein. Tanzen und Singen, da sehen sie beide ihre große Liebe, doch ihre Wege trennen sich mit dem Erwachsen werden.

Tracey geht auf eine Ballettschule, doch ihre Karriere verläuft nicht so wie erhofft. Die Ich-Erzählerin hingegen wird persönliche Assistentin einer berühmten Popsängerin und Tänzerin. Deren soziales Engangement führt sie nach Afrika, wo interessante Fragen gestellt werden: ist Hilfe tatsächlich Hilfe? Wo endet Helfen und wo beginnt Protektionismus?

Auch der persönliche Lebensweg, das fehlende Glück mit Männern, die Probleme mit ihren Eltern und immer wieder auch mit ihrer Kinderfreundin werden von Zadie Smith auf eine Weise beschrieben, dass ich traurig war, als das Buch zu Ende war.

Vielleicht nicht ganz so groß und toll wie “Zähne zeigen” oder “Von der Schönheit”, aber mindestens so gut, wenn nicht besser als ihr letztes “London NW”.

Jedenfalls ein lesenswertes, sehr gut geschriebenes Buch über Freundschaft. Liebe, Rassismus und Politik!

zu bestellen gerne bei mir in der Buchhandlung

Eine Schuld, die ein Leben lang bleibt

admin 11. Oktober, 2017

Pierre Lemaitre

Drei Tage und ein Leben

Übersetzer:  Tobias Scheffel

Klett-Cottag Verlag

20 €

Pierre Lemaitre hatte für sein wahrlich großartiges aber bis zum Exterm düsteres und schmerzhaftes Buch “Wir sehen uns dort oben” den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Buchpreis gewonnen. Deshalb hatte ich das damals gelesen und ich war begeistert.

Klar, dass ich mich voller Vorfreude auf sein neues Buch gestürzt habe!

Als erstes muss ich feststellen, dass “Drei Tage und ein Leben” völlig anders ist, sowohl thematisch wie auch stilistisch. Umso schöner ist es, dass mir auch sein neues Buch, das manche fälschlicherweise für einen Krimi halten, sehr gut gefallen hat!

Sicher, man weiß schon von Anfang an, dass Antoine, der kleine Junge, ein “Mörder” ist, doch ist das wirklich Mord? War er nicht noch viel zu jung, zu emotional aufgewühlt um sein Tun (das sowieso eher ein Totschlag gewesen wäre) zu verstehen?

Jedenfalls ist es für uns Leser nahezu unerträglich mitzuerleben, wie sehr sich Antoine selbst kasteit, wie sehr diese Tat sein Leben beeinflusst und wie schrecklich es ist, dass er sich nie jemand anderem mitteilen konnte.

Seine Angst, entdeckt zu werden, kommt erst viele Jahre später wieder, als der Wald in dem sein Opfer vergraben liegt, gerodet wird, zum Ausbruch. Zwischenzeitlich führte er ja ein “normales” Leben, doch jetzt merkt man, dass da nichts wirklich normal war.

Als Leser ist man hin- und hergerissen zwischen Mitleid mit Antoine und Mitleid mit dem Opfer.

Dem Autor gelingt es, einen psychologisch tiefgründigen, spannenden und alles andere als banalen Roman über Schuld, Reue und Kindheitstraumata zu schreiben.

Sehr gut!

Ich würde mich freuen, wenn Sie das Buch bei mir in der Buchhandlung Thaer bestellen!

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